Hitchhiking At Night

Travel for the people (Part II)

Ich habe es geschafft. Fast ausschließlich per Anhalter bin ich in zwei Tagen durch das ganze Land gekommen und befinde mich nun in Salto an der argentinischen Grenze. Bei meiner Ankunft war es bereits dunkel und ich konnte im Internet keine Unterkunft finden. Deshalb schlug mir mein Fahrer vor, dass ich in seinem LKW schlafen könne. Gerne habe ich sein Angebot angenommen. Wir haben unsere Sitze zurückgeklappt und die Nacht also im Fahrerhaus des Trucks verbracht. Eigentlich habe ich es dort ganz gemütlich gehabt, doch ich konnte kaum schlafen. In den letzten Tagen habe ich so viel erlebt, dass mein Gedanken rasten und mir einfach keine Ruhe gönnen wollten. Außerdem stand der Truck vor einer Ampel und der ständige Farbenwechsel reist mich immer wieder aus meinem leichten Schlaf…

Am nächsten Morgen trinken mein Gastgeber und ich noch einen Mate zum Frühstück und ich verabschiede mich herzlichst bei ihm. Da ich mich nach einem Bett und einer Dusche sehne, helfen mir seine Mitarbeiter ein Hostel zu finden. Sie zeichnen mir eine Karte und markieren einen Punkt, von dem sie vermuten, dass es eines sein könnte. Ich bedanke mich auch bei ihnen und mache mich auf den Weg. Ein weiteres Mal bin ich von der Hilfsbereitschaft dieser Leute überwältigt.

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Ich laufe an einem öffentlichen Sportplatz vorbei, auf dem gerade ein paar Schüler Volleyball spielen. Wenn ich nicht so ausgelaugt wäre, hätte ich vielleicht gefragt, ob ich mitspielen darf. Jetzt habe ich allerdings nur ein Ziel und das ist der Punkt auf meiner Karte. Als ich dort ankomme stellt sich heraus, dass das Hostel heutzutage keines mehr ist und sie auch keine Reisenden aufnehmen. Danach gehe ich zur Touristeninformation, doch auch die können mir nicht weiterhelfen. Also laufe ich einfach lange durch die Stadt, in der Hoffnung zufällig auf etwas zu stoßen. Generell ist Salto ein schönes Städtchen. Es liegt auf einem Hügel, besitzt viele kleinere Gassen und an jeder Ecke wächst ein Baum aus dem Boden.

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Da ich keine Unterkunft finden kann, ende ich irgendwann am Fluss und gönne mir ein verfrühtes Mittagessen. Lange sitze ich am Ufer und sehe den Vögeln beim Fischen zu, während ich mein Sandwich verschlinge. Auf der anderen Seite des Stroms befindet sich das argentinische Concordia. Ich sehe auf die Karte und in dem Moment wird mir klar, woraus sich der Name dieses Landes ableitet. Uruguay ist eigentlich nur eine Abkürzung. Der korrekte Name dieses Landes lautet Republik östlich des Uruguay und damit ist der Fluss gemeint, an dem ich gerade sitze.

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Danach gehe ich zurück in die Stadt. Wenn es hier schon keine Unterkunft gibt, dann muss ich eben selbst für eine sorgen. Also machs ich mich auf die Suche nach einem Zelt. Wenn man viel per Anhaltef reist, kann das ohnehin sehr praktisch werden. Als mir diese Idee kommt ist es kurz vor zwölf und das heißt in Uruguay nichts Gutes. Ab Mittag gilt hier die Siesta, was bedeutet, dass alle Geschäfte für mehrere Stunden schließen. Ich schaffe es nur noch in einen Laden und erwische auch noch den teuersten. Also werde ich warten müssen bis die anderen Geschäfte wieder öffnen.

Da es heute unglaublich heiß ist, nehme ich vor der Touristeninformation im Schatten Platz und errate ihr WLAN-Passwort beim zweiten Versuch. Sicherlich hätte ich auch einfach fragen können, aber so macht es doch viel mehr Spaß. Weil ich viel Zeit habe, verbringe ich diese damit mal ein paar Nachrichten zu lesen, wo ich sonst auf meiner Reise kaum dazu komme. Donald Trump ist gerade zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden und die deutschen Medien drehen völlig am Rad. In Uruguay scheinen sich die Leute dagegen kaum dafür zu interessieren.

Gegen 14:30 Uhr öffnen die Geschäfte wieder und ich finde in einem Laden ein günstiges Zelt. Dieses kaufe ich mir und besorge mir im Anschluss noch etwas Proviant. Danach gehe ich zum Busbahnhof, da ich gelesen habe, dass es eine Busverbindung nach Concordia gibt, bei der die Einreiseformalitäten schon an Bord erledigt werden. Dort angekommen sagt man mir, dass der Bus heute nicht mehr fahre und ich entscheide mich kurzerhand es per Anhalter über die Grenze zu versuchen.

An den Stadtrand zu kommen erweist sich als ein echter Kraftakt. Die Stadt ist groß, die Sonne brennt und ich habe nun zusätzlich ein Zelt, Proviant und Wasser für mehrere Tage dabei. Außerdem merke ich die Anstrengung der letzten Tage und meinen Schlafmangel deutlich. Glücklicherweise nimmt mich am Ortsausgang ein alter Herr mit und bringt mich bis vor zur Grenze, obwohl er dort gar nicht hin muss.

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Der Zoll befindet sich hinter diesem großen Staudamm auf der argentinischen Seite des Rio Uruguay. Wie ihr sehen könnt, steht die Sonne bereits sehr tief und ich habe heute erst ein paar Kilometer hinter mich gebracht. Wenigstens sind die Einreiseformalitäten schnell erledigt. Ich bekomme lediglich zwei Stempel in meinen Pass gedrückt und schon bin ich drin.

Zurück in Argentinien

Kurze Zeit später nimmt mich ein Grenzbeamter nach seinem Schichtende mit, damit ich ein Stückchen weiter Richtung Autobahn komme. Nun geht die Sonne bereits unter und ich hoffe auf eine gute Mitfahrgelegenheit. Zur Not habe ich jetzt allerdings mein Zelt dabei.

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Dort warte ich eine ganze Weile, bis mich ein junger Argentinier aus Santa Fe aufsammelt. Er hatte mich bereits in Uruguay gesehen, da er nur kurz über die Grenze gefahren war, um ein paar frische Orangen zu kaufen. Zwar fährt er nicht sehr weit, doch er kann mich zumindest auf die richtige Autobahn bringen, worüber ich sehr dankbar bin. Dort angekommen fährt er noch ein paar Kilometer in die für mich richtige Richtung. Auf dem Weg kommen wir an einer Ortschaft namens Colonia Alemana vorbei. Wie aus dem Nichts kommend, stehen hier mehrere Fachwerkhäuser über denen bayrische Flaggen wehen. Mein Fahrer erzählt mir, dass es dort auch einen Biergarten mit typisch Gerichten gibt. Allerdings sei das ganze ziemlich klischeeüberladen und komerz. Wo er lebe gebe es richtige deutsche Einwanderersiedlungen, meint er. So langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich hier in Südamerika oder Mitteleuropa bin.

Mein Fahrer fährt bis Chajarí, eine kleine Stadt, die für ihre thermalen Quellen bekannt ist. Wir tauschen noch kurz unsere Nummern und er lässt mich auf der Autobahn aussteigen. Es ist bereits acht Uhr und stockdüster. Nun muss ich wirklich sehen, wie ich weiterkomme.

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Plan B sieht vor, dass ich in der Nähe mein Zelt aufschlage und am nächsten Morgen die Thermalquellen besuche. Das hört sich doch schon mal nicht so schlecht an. Allerdings bleibe ich erstmal bei Plan A und versuche einen Trucker zum Anhalten zu bewegen. Nach einer Stunde wechsle ich meinen Standort, da ich einen neuen Punkt für mein Regelwerk gewonnen habe.

Hitchhiking-Regel N° 7: Vermeide es an großen Autobahnen zu stehen. Die Fahrer werden alleine auf Grund des langen Bremsweges nicht anhalten.

Ich postiere mich nun an der Autobahnauffahrt und versuche mein Glück erneut. Nachdem ich wieder eine Stunde gewartet habe, halten zwei junge Burschen an und schlagen vor, mich bis zur nächsten Tankstelle bringen zu können. Diese Auffahrt wird nämlich nur vom Regionalverkehr genutzt und hier werde ich schlechte Chancen auf eine Mitfahrgelegenheit haben. Dankend nehme ich ihr Angebot an und sie fahren mich etwa zwei Kilometer zurück zur nächsten Tankstelle; welche sich auf der falschen Seite befindet. Naja, vielleicht habe ich hier trotzdem mehr Glück, da sich diese unmittelbar vor einem großen Kreisverkehr befindet. Außerdem habe ich hier die Möglichkeit mit Leuten zu reden, bevor sie sich ins Auto setzen.

Auch hier verbringe ich noch eine Stunde, bis mir klar wird, dass sich die meisten gar nicht mehr in Bewegung setzen werden, da sie ihr Fahrzeug für die Nacht auf der Raststätte abstellen. Also wechsle ich wieder die Straßenseite und versuche es erneut direkt auf der Autobahn. Mittlerweile habe ich mir ein Schild, mit der Aufschrift Norte, gebastelt und hoffe vielleicht so die Aufmerksamkeit der Fahrer auf mich ziehen zu können.

Als ich eigentlich bereits aufgegeben hatte, verbirgt sich hinter meinem letzten Truck noch ein weiterer und ich hebe mein Schild nur noch einmal hoch, da ich noch immer am Straßenrand stehe. Auch dieser fährt an mir vorbei und ich mache mich bereit meine Sachen zu packen. Als ich mich zu meinem Rucksack umdrehe, sehe ich wie sich der letzte LKW gut hundert Meter weiter dem Seitenstreifen annähert. Ich kann euch eines sagen: Ich bin selten so schnell gerannt. Als ich beim Fahrer ankomme, frägt dieser mich zunächst ob ich Mate trinke. Ich bejahe und erst dann möchte er meine Destination wissen.

Kurz darauf sitze ich neben ihm im Führerhaus und wir nehmen gemeinsam Kurs auf das rund 550km entfernte Posadas. Während er mich chauffiert, bekomme ich die Aufgabe mich um den Mate zu kümmern. Eine klassische Win-Win Situation. Und bevor ich es vergesse:

Hitchhiking-Regel N° 8: Gib niemals auf. Laut Regel N° 1 wird nämlich immer jemamd vorbeikommen, der dich mitnimmt.

Wir fahren die ganze Nacht und unterhalten uns fast durchgehend. Wir legen lediglich einen Tankstop ein und halten ein paar weitere Male um kurz Wasser für den Mate erhitzen zu können. Mein Fahrer ist sehr nett und möchte viel über Deutschland wissen. Also erzähle ich ihm so viel ich kann. Man lernt sein Land noch einmal anders kennen, wenn man es einem fremden erklären muss; das habe ich daraus gelernt.

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Gegen fünf Uhr nicke ich für eine halbe Stunde ein und als ich wieder aufwache geht die Sonne gerade auf. Da wir bis dahin nur im Dunkeln unterwegs waren, fällt mir auf wie stark sich die Vegetation geändert hat. Wir befinden uns nun eindeutig in den Tropen. Die Morgensonne heizt den feuchten Wäldern gerade richtig ein und ich kann beobachten, wie sich für ein paar Minuten ein dichter Nebel über das Land legt.

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Gegen Acht Uhr erreichen wir dann die Suburbs von Posada und mein Fahrer lässt mich an einem großen Kreisel raus, da er seine Lieferung nun in das nahegelegene Warenhaus bringen muss. Wir schießen noch ein Foto zusammen, ich bedanke mich herzlich bei ihm und mache mich dann auf den Weg in die Stadt. Doch das ist eine andere Geschichte.

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6 Gedanken zu “Hitchhiking At Night

  1. Hi Remi,

    ganz schön spannend. Danke! Die Erfahrung habe ich selbst auch gemacht-im Ausland über Deutschland zu sprechen. Hat mich auch etwas stolz gemacht. Da wurde mir klar- dass es gut ist wie es ist- das Deutschland bzw. das Europa mit vielen Wenn und Aber. Ich warte schon gespannt auf deinen nächsten Bericht. Weiterhin gute Fahrt. Liebe Grüße Jutta

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    1. Hallo Jutta,
      Vielen Dank für deinen Kommentar und es freut mich, dass es dir gefällt!
      Das ist wahr, wenn man das ganze mal von außen betrachtet, merkt man erstmal woran wir eigentlich sind. Wir haben auch unsere Probleme, aber die sind auf einem ganz hohen Level.
      Liebe Grüße,
      Rémi

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  2. Coucou fiston,
    que de km….
    Je suis un peu perdue avec tous ces noms de villes, toutes ses impressions, tous ces paysages, et tous ces conducteurs ou conductrices bien sympatiques qui se succèdent de jour comme de nuit , pour une étappe de ton voyage….
    Je vois que tu experimentes la vie d‘ auto-stoppeur sous toutes ses formes, mais l’essentiel est que tu arrives à bon port, la où tu voulais aller, et sans accident et sans problèmes.
    Je remercie tes conducteurs… Du fond de mon coeur.. De prendre soin de toi comme ca! Ils sont super gentils avec toi.

    Mon histoire préférrée de tes aventures..
    c’est un endroit calme…. A peaceful place.
    L,‘ endroit me plairait, simple, naturel…. Tranquille, parfait pour deconnecter!
    Là où le temps coule comme du miel… Lentement, Belle image!!
    J‘ ai lu avec plaisir ton recit de la sortie du parc à pied… Quel suspens!
    J, avais un peu peur que tu ne trouves pas le bon chemin , et que tu te perdes….tes 2 compagnons à quattre pattes m‘ ont rassuré, TU n‘ etait plus perdu tout seul!
    Ouf!!! :-))

    Bon voyage mon fils…. Que la Chance continue d’être avec toi
    Bisous

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