Ruinen und Edelsteine 

Über meine Reise nach Iguazú

Nachdem ich in Posadas wieder etwas Energie sammeln konnte, mache ich mich am Samstag auf den Weg zu meinem lang angestrebten Ziel. Die berühmten Iguazú-Fälle befinden sich ganz im Norden Argentiniens. Bis dahin sind es rund dreihundert Kilometer, doch wie sich später herausstellte, sollte ich es nicht in einem Tag schaffen. Vorbereitung ist das halbe Leben und außnahmsweise war ich dieses mal für alles gewappnet. Oder vielleicht doch nicht?

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Nach dem Frühstück mache ich mich in Posadas auf den Weg. Ich möchte versuchen ein wenig aus dem Zentrum zu kommen und hoffe dann auf einen netten Chauffeur. Von der Rezeptionistin lasse ich mir erklären, welcher Bus mich aus dem Zentrum bringt und nehmen diesen auch, nachdem ich einige Minuten warten musste. Den Stadtkern lasse ich hinter mir, doch die Peripherie erstreckt sich deutlich weiter als ich es in Erinnerung habe. Zwar bin ich schon auf der richtigen Straße, doch der Regionalverkehr macht es unmöglich eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. In der Hoffnung heute noch am Stadtrand anzukommen, folge ich einfach dem Straßenverlauf. Ich laufe und laufe.

Die Sonne brennt und ich muss mir bei einem kleinen See eine kurze Pause gönnen, um etwas zu trinken. Dabei habe ich das Glück einem Bieber bei der Arbeit zusehen zu können, doch ehe ich ein Foto von ihm machen kann, taucht dieser ab und ist verschwunden.

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Immer wieder versuche ich es am Straßenrand und gebe dann immer wieder auf, da mir die Stelle ungeeignet scheint. Schlussendlich verbringe ich so drei Stunden in den Vorstädten Posadas. Um meine Laune ein wenig zu heben kaufe ich mir an der Straße ein Choripan und esse diesen genüsslich. Schon in Buenos Aires habe ich mich in diese kross gegrillten Schweinswürstchen im Brötchen verliebt. Meine dadurch gehobene Stimmung führt allerdings nicht dazu, dass mich jemand mitnimmt und so gebe ich irgendwann auf.

Hitchhiking-Regel N° 9: Nimm verdammt nochmal einen Bus, um aus den großen Städten herauszukommen.

Glücklicherweise befinde ich mich vor der Universität, wo es auch eine Haltestelle für Fernbusse gibt. Da es weder Fahrpläne noch andererweitige Informationen gibt, hilft mir ein junger Mann und erklärt mir wann ein geeignetes Collectivo kommt.

Als ich dieses nehme ist es bereits 14:30 Uhr und ich bin einfach nur froh meiner aussichtslosen Situation entkommen zu sein. Dieser bringt mich in das etwa fünfzig Kilometer entfernte San Ignacio, wo ich ohnehin hinwollte.

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Überglücklich mein erstes Etappenziel erreicht zu haben, gehe ich vom Busterminal ins Zentrum des kleines Dörfchens. Hier fällt mir mal wieder auf, dass alle Straßennetze in Argentinien dem selben System folgen. Grundsätzlich bestehen Städte und Dörfer aus einem quadratischen Raster und Entfernungen werden hier ausschließlich in den exakt hundert Meter langen Cuadras angegeben. Die Straßen rund um den Stadtkern tragen so gut wie immer die Namen der südamerikanischen Nationalstaaten. Gibt es noch mehr zu vergeben, werden diese um die Namen argentinischer Städte, dann berühmter Persönlichkeiten und schließlich auch um die Namen der nordamerikanischen und europäischen Staaten erweitert. Egal ob groß oder klein, es ist in jeder Stadt das gleiche Spiel. Außnahmen bestätigen natürlich (nicht) die Regel, aber ihr könnt es ja mal selbst ausprobieren. Dazu muss man auf Google Maps nur in das Zentrum einer zufällig gewählten Stadt hereinzoomen.

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Dass ich mich in dieses kleine Städtchen begebe, hat seinen Grund. Hier findet man dir Ruinen ehemaliger Jesuitenmissionen, welche bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückgehen. Wie wir wissen, verfolgte das Christentum früher einen aggressiven Expansionskurs und hatte das Bedürfnis jedem seinen Glauben aufzudrücken. So auch der Jesuitenorden, welcher sich bereits im Jahre 1610 in der Region niederlies, um die einheimischen Guaraní zu missionieren. Dennoch sollte man nicht alles schlecht reden, denn die Mönche versuchten außerdem die Guaraní vor der noch aggressiveren Expansionstaktik der Spanier zu beschützen. Letztere vertrieben die Jesuiten allerdings im Jahre 1767 und die dreitausend Guaraní-Einwohner zerstörten die Niederlassung einige Jahre später.

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Heute findet man deshalb nurnoch die Ruinen des aus rotem Sandstein errichteten Gebäudekomplexes vor. Man hatte sich damals wohl für Quantität statt Qualität entschieden und musste vor allem die Kirche aus bis zu drei Meter dicken Wänden dieses porösen Baustoffes errichten.

Ich schlendere durch die gesamte Anlage und setze mich für ein kleines Picknick. Es ist unglaublich heiß und ich habe heute bereits viel Zeit in der Sonne verbracht, weswegen ich mich umso mehr darüber freue ein schattiges Plätzchen zu finden. Danach sehe ich mir noch den nicht freigelegten Teil des Dorfes an. Zwischen Büschen und Bäumen findet man viele überwucherte Gebäudereste. Ich scheine der einzige zu sein, der sich hierhin begibt und habe meinen Spaß daran auf Entdeckertour durch den Wald zu laufen.

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Nach meinem kurzen Ausflug in die Vergangenheit wird es wieder Zeit in die Gegenwart zurückzukehren, denn die Sonne hat ihren Zenit bereits weit überschritten. Ich habe noch eine weite Strecke vor mir und begebe mich wieder zurück zur Hauptstraße, um den Daumen rauszuhalten. Da ich beim Ortsausgang eine schattenspendende Bushaltestelle finde, versuche ich dort mein Glück.

Ich habe kein Glück. Zwar kann ich mit meinem Posten dem innerstädtischen Verkehr entgehen, aber ich befinde mich an einem Abhang und die Autos rasen wie verrückt an mir vorbei.

Hitchhiking-Regel N° 10: Wo es runter geht muss es auch irgendwo wieder hoch gehen. Stehe in jedem Fall vor bzw. auf einem Hügel und niemals dahinter.

Ich wechsle also meinen Standort und versuche es erneut. Es lohnt sich, denn ein junger Mann nimmt mich irgendwann mit und kann mich ein paar Kilometer weiter bringen. Wir unterhalten uns über Unterschiede zwischen Deutschland und Argentinien und kommen dann darauf, was in beiden Ländern ein Führerschein kostet. In Deutschland zahlt man heutzutage rund zweitausend Euro, wenn man nicht mehrmals durch die Prüfung rasselt. Danach hat man seinen Führerschein auf Lebzeiten, sofern einem dieser nicht auf Grund irgendwelcher Dummheiten abgenommen wird. Argentinier erwerben ihre Lizenz hingegen auf Zeit und ratet mal, wie viel das Kostet. Für fünf Jahre Fahrerlaubnis zahlt man hier umgerechnet dreißig Euro. Eine Fahrschule muss man nicht besuchen, lediglich eine medizinische Untersuchung ist von Nöten. Ich muss schmuzeln, als ich darüber nachdenke, dass dieser Umstand sicherlich nicht dafür spricht in diesem Land per Anhalter zu reisen.

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Eigentlich hatte ich geplant heute noch die Minen von Wanda zu besuchen und am Abend in Puerto Iguazu anzukommen. Davon bin ich allerdings noch zweihundert Kilometer entfernt und der Horizont verwandelt sich bereits in einen wunderschönen Abendhimmel. Man muss ja immer das positive aus einer Situation ziehen.

Mein letzter Fahrer konnte mich nur bis in das kleine Jardin America bringen und dort stehe ich nun am Straßenrand. Der Himmel wechselt minütlich seine Farben und ich frage mich wer schneller ist: Der Sonnenuntergang oder die nächste Person, die mich mitnimmt? Es ist kaum zu Glauben, aber noch vor Einruch der Dunkelheit hält ein großer LKW am Straßenrand und nimmt mich mit.

Diesmal habe ich wirklich Glück, denn mein Fahrer kann mich bis nach Wanda bringen. Er redet kaum, doch das ist mir gerade ziemlich recht. Laut meiner Selbstdiagnose habe ich einen leichten Sonnenstich, der sich durch schmerzhaftes Pochen im Stirnbereich bemerkbar macht. Ich nutze die Fahrt, um mich zu rehydratisieren und als wir in Wanda ankommen geht es mir etwas besser.

Es ist bereits stockdüster, doch ich freue mich endlich mal mein Zelt ausprobieren zu können. So gut es geht suche ich mir im dunkeln einen geeigneten Platz und baue meine mobile Behausung auf. Nach einem simplen Abendessen, bestehend aus Dosenwurst und Brot, lege ich mich hin. Ich befinde mich am Rande des Dschungels und lasse mich vom Zirpen der Insekten in den Schlaf wiegen.

Die Nacht war grauenhaft. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich gefroren habe. Natürlich habe ich weder Schlafsack noch Matratze, doch das eigentliche Problem bestand aus meinem Zelt. Wie ihr sehen könnt habe ich die ultra-leicht (und ultra-billig) Variante erworben, welche zu drei Seiten nur aus Mückennetz besteht. Was in lauen Sommernächten vielleicht ein Segen sein mag, war dieses mal mein Fluch. Der eisige Wind pfiff durch mein Zelt und alles was ich tun konnte, war mich so gut es ging in eine dicke Schicht aus Kleidern einzuwickeln. Ich war schon fast überrascht, dass ich am nächsten Morgen nicht als Schmetterling aus meinem Klamotten-Kokon geschlüpft bin.

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Sobald sich die Sonne zeigte, wird es wieder warm und und auch schnell zu warm. Mir kann man es halt nie recht machen. Ich muss über mich selber lachen und packe mein Zelt zusammen. Zum Frühstück verdrücke ich schnell ein paar Cracker und mache mich dann auf den Weg.

Wanda liegt rund fünfzig Kilometer vor Puerto Iguazú, doch noch ist es nicht an der Zeit meine letzte Etappe anzutreten. Ich habe mich im voraus informiert und herausgefunden, dass es hier mehrere Edelsteinminen gibt, die ich mir nun ansehen möchte. Als ich dort ankomme bin ich der erste Besucher des Tages und bekomme eine private Führung. Wie war das nochmal? Ach ja, die Sache mit dem frühen Vogel und dem Wurm.

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Entschuldigt bitte den unpassenden Vergleich, doch es scheint, als würden die Kristalle hier wie Krebsgeschwüre aus dem Boden wachsen. Die Minenarbeiter müssen diese dann nurnoch aus dem Stein schneiden. Chirurgische Präzision wird dabei nicht benötigt, doch ein gutes Gespür für die Größe der Kristallblasen ist durchaus von Nutzen. Es war zwar nicht beabsichtigt, doch im folgenden Bild dient euch mein Schuh als Größenvergleich. Außerdem muss man aufpassen nicht in die bis zu einem Meter tiefen Löcher zu treten.

Im Anschluss gehen wir Untertage, um noch weitere Kristalle zu bewundern. Die Mine ist nicht groß, doch es wird noch heute darin gearbeitet. Allerdings besuche ich sie am Tag des Herrn und komme nicht in den Genuss den Abbaupozess genauer unter die Lupe nehmen zu können. Grau, blau, lila, und gelb sind die Edelsteine, die an jeder Ecke aus dem Fels zu sprießen scheinen. Überzeugt euch einfach selbst.

Meine Führerin weist mich auf einen besonderen Stein hin und fordert mich dazu auf meine Hand in das Loch des großen Kristalles zu stecken. Da ich diese Erfahrung bereits in der Vergangenheit gemacht habe, nenne ich es mal das Pringles-Packung-Problem: Meine Hand passt einfach nicht rein. Also sind auf folgendem Foto nur meine Finger im inneren dieses Kristalles zu sehen. Auf englisch würde ich jetzt aber sagen: Cool enough.

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Geht man von den Minen noch ein Stückchen weiter, kommt man zu einem großen Abhang mit Blick auf den Río Paraná und das dahinter liegende Land. Ich nehme mir einen kurzen Augenblick und lasse meinen Blick schweifen. Auf der anderen Seite sieht man ein kleines Dorf, welches bereits zu Paraguay gehört. Ich würde gerne mit dem Boot herüberfahren oder zumindes näher herankommen, doch die Straße auf der argentinischen Seite endet hier. Dann eben ein anderes Mal.

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Kurz darauf gehe ich wieder vor zur Hauptstraße, denn ich möchte endlich nach Iguazu kommen. Die letzten 50km lege ich von Dorf zu Dorf mit den verschiedensten Fahrern zurück und komme schließlich noch vor Mittag am Dreiländereck an. Seit ich in Posadas aufgebrochen bin sind rund 24 Stunden vergangen in denen ich viel erlebt habe.

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Ich habe noch immer leichte Kopfschmerzen und bin froh in Puerto Iguazu schnell ein gutes Hostel gefunden zu haben. Dort ruhe ich mich den restlichen Tag nur noch aus. Alles Weitere ist eine andere Geschichte.

7 Gedanken zu “Ruinen und Edelsteine 

  1. -Rémi,
    das ist eine klasse geschichte … sehr schön geschrieben !
    hat mit sehr sehr gut gefallen: alles dabei kulinarisches, kulturelles, etwas abenteur… Stadt, natur, strasse …und vor allem viel humor . bravo!

    und sonst
    – tja ein dünner schafsack wäre nicht schlecht, oder?
    – wie kalt nachts und wie warm tagsüber ist es denn genau?
    dachte du kannst hitze gut vertragen aber scheint doch dort eine andere nummer dort zu sein …
    – mach mal paar bilder von den leckereien, die du isst / trinkst – würde sie gerne mal sehen , klang lecker….. knusprige wurst….
    und zur erinerung ,,, habe bald geburstag.. .. wie wäre es mit einem edelsteinchen für mama? :-))
    mach’s gut
    bisous

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    1. Hi Mama,
      Super Kommentar, hat mich sehr gefreut ihn zu lesen 🙂

      Ich habe einen ganz dünnen Schlafsack, aber der ist nicht dicker als ein T-shirt. Tagsüber wird zwischen 30° und 35° heiß und nachts kühlt es auf etwa 15° runter. Aber diese Nacht war definitiv kälter 😀
      Ich versuche mal ein paar Fotos zu machen.

      Bisous,
      Rémi

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  2. kaum bin ich mal eine Woche ohne Internet, schon darf ich 5 !! Berichte auf einmal lesen.
    Ich bin hin und weg von deinen Berichten und finde es toll, dass du uns so abholst und mit auf deine Reise nimmst. Die Latte für die nächsten Reisekandidaten und blog-Schreiber liegt hoch.
    Mach weiter so, ich freue mich schon auf die Iguazu-Wasserfälle.
    Liebe Grüße, Betina

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  3. Kaum habe ich mal für eine Woche kein Internet, dann darf ich 5!!Berichte auf einmal lesen. Ich finde es toll, wie kurzweilig du schreibst und wie du uns alle abholst und auf deine Reise mitnimmst. Weiter so ! Ich freue mich schon auf deinen Bericht über die Iguazu-Wasserfälle und wünsche die weiterhin so wohlgesonnene, liebe Menschen auf deinem Weg.
    Lieben Gruß, Betina

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    1. Hallo Betina,
      das liegt daran, dass ich mit den Berichten etwas zurück lag und nun alles aufgearbeitet habe 🙂
      Es freut mich sehr, dass es dir gefällt. Das bedeutet mir viel!
      Herzlichen Dank und liebe Grüße,
      Rémi

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  4. Hallo Remi,
    wo immer Du auch bist schicke ich Dir liebe Grüße u. wünsche ich Dir ein ein tolles Neues Jahr 2017. Weiterhin gute Reise, gute Erlebnisse mit netten Menschen. Jutta

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