Stuck in Bolivia

Per Anhalter durch Bolivien?

Bei meiner Reise stecke ich mir immer ein langfristiges Objektiv und alles weitere ergibt sich auf dem Weg dahin. Nun war ich meinem Ziel, nach Salta zu gelangen, ein gutes Stück nähergeommen. Von hier müsste ich nurnoch fünfhundert Kilometer gen Süden reisen und das war’s. Nur fünfhundert Kilometer? Ganz richtig, denn ich befinde mich nun auf einer der Hauptachsen Südamerikas. Das bedeutet gute Straßen, auf welchen man locker drei- bis viermal so schnell unterwegs sein kann, wie es die letzten Tage der Fall war. Bevor ich jedoch einfach drauflosziehe, sollte ich mich zunächst fragen, warum ich eigentlich nach Salta wollte. Das ist nicht schwer zu beantworten: Diese Stadt ist die inoffizielle Hauptstadt der argentinischen Anden und das Tor zu einer anderen Welt. Nachdem ich mich dann in den Bergen ausgetobt hätte, wäre Valparaiso in Chile das nächste große Ziel. Wenn ich von Salta allerdings erst in die Berge und dann wieder in den Süden möchte, müsste ich streckenweise den gleichen Abschnitt doppelt befahren. Da ich das gar nicht leiden kann, muss eine Alternative her. Auf meinen alten Freund, die Karte, ist dabei immer verlass.

Mein eigentliches Ziel ist nämlich nicht Salta, sondern das sind die Berge. Wenn ich mich außerdem generell gen Süden bewegen möchte, gibt es nur eine Möglichkeit das ganze zu kombinieren. Anstatt zunächst im Flachland (Gelb) bis nach Salta zu fahren und dann erst in die Berge zu gehen, könnte ich auch von hier direkt in die bolivianischen Anden kreuzen (Blau) und alles runterwärts machen (Rot). Somit wäre es möglich über Bolivien in meinem gewünschten Tal zu landen und in einer sauberen Linie nach Süden zu ziehen.

Nachdem ich also am Morgen diesen Plan geschmiedet habe, heißt mein neues Tagesziel Tarija. Wie ich herausgefunden habe, ist es die Hauptstadt des Departamentes, in dem ich mich ohnehin schon befinde. Es sollte also nicht zu schwierig sein die 250 Kilometer bis dorthin zu schaffen. Von dort würde ich dann am nächsten Tag versuchen bis zur argentinischen Grenze zu kommen und dann hätte ich mein Ziel erreicht.

1. Argentinien? Check.
2. Berge? Check.

Bevor ich von meiner Unterkunft aufbreche, frühstücke ich gut und informiere ich über alles, was ich in den Bergen machen möchte. Vielleicht setze ich mich ja auch mal für ein paar Tage mit meinem Zelt in die Wildnis ab, wer weiß? Ich nehme mir ziemlich viel vor und bin in meiner Euphorie über die Anden kaum zu bremsen. Dabei wird mir bewusst, wie gerne ich meine Zeit in den Bergen verbringe. Es hat mir sehr gefehlt eine Erhebung am Horizont sehen zu können und ich freue mich endlich nicht mehr zweidimensional denken zu müssen. Wie meine Mutter manchmal zu sagen pflegt, ist sie nichts als ein einfaches Mädchen aus den Bergen. Ich scheine tatsächlich ihr Sohn zu sein.

Wenn Paraguay schon chaotisch war, dann gibt es keine passende Bezeichnung für das Geschehen auf bolivianischen Straßen. Als ich zum vorgezogenes Mittagessen im Zentrum einen Lomito verdrücke, bekomme ich das Gefühl, dass man hier den ganzen Tag einfach nur sitzen bleiben könnte und es würde einem ein Spektakel nach dem anderen geboten werden. So viel Zeit habe ich allerdings nicht und so mache ich mich samt Gepäck auf den Weg eine Bank zu suchen. Die Übernachtung und zwei Mahlzeiten konnte ich gerade so mit meinem an der Grenze gewechselten Geld bezahlen, doch jetzt bin ich völlig pleite. Um zum nächsten Geldautomaten zu gelangen, durchkreuze ich die halbe Stadt und bekomme dabei ein paar nette Dinge zu sehen. 

Die Hauptachse von Villa Montes besitzt eine breite, bepflanzte Mittelinsel. Das ganze erscheint mir sehr gut gepflegt und passt überhaupt nicht in das Bild, das mir die Umgebung meiner letzten Unterkunft vermittelt hat. Dort waren die löchrigen Straßen voller Menschen, halb verrostete Autos hupten wie verrückt, um an einer voll beladenen Kutsche vorbeizukommen und neben den meisten der vergitterten Geschäfte bereiten Leute verschiedene Speisen auf der Straße zu. Hier dagegen herrscht Recht und Ordnung, Müll kann ich weder auf Gehwegen noch Straßen finden und die Stimmung ist außerordentlich entspannt. 

Als ich den Geldautomat endlich finde, behauptet dieser meine Karte wäre gesperrt worden, aber ich glaube ihm nicht. Also setze ich meine Runde durch die Stadt fort, um zu einer anderen Bank zu gelangen. Dabei komme ich an einer großen Informationsveranstaltung zum Zikavirus und Denguefieber vorbei. Obwohl ich von den Mücken in Südamerika bisher überwiegend verschont wurde, wäre es vielleicht keine schlechte Idee mir auch mal ein Insektenschutz zuzulegen, muss ich unweigerlich denken, als daran vorbei laufe. 

Kurz darauf finde ich einen anderen Geldautomaten, der mir die gewünschte Anzahl Scheine ausgibt. Von Wegen Karte gesperrt. Das ist übrigens eine Sache, die man in Südamerika recht schnell lernt: Aus mir unerklärlichen Gründen können einige ATM’s, trotz aufgeklebtem VISA-Logo, nicht mit deren Kreditkarten umgehen. Es werden einem dann die verschiedensten Fehlermeldungen angezeigt, welche man getrost ignorieren kann. Manchmal reicht es sogar einen anderen Automaten der gleichen Bank auszuprobieren und plötzlich funktioniert es. 

Obwohl ich nun wieder flüssig bin, muss ich mir unbedingt etwas zu Trinken kaufen, denn meine Wasserreserven sind bereits fast aufgebraucht. Ich bin mir sicher, dass die Temperatur meiner Umgebung mal wieder die des eigene Körpers überstiegen hat. In Kombination mit meinem Rucksack, den ich bereits seit einer Stunde auf dem Rücken trage, führt die Hitze dazu, dass ich unglaublich viel Flüssigkeit verliere. Um dem entgegenzuwirken, mache ich mich auf die Suche nach ein paar Flaschen Wasser, welche auch nicht schwer zu finden sind. Alle paar Meter findet man hier kleine Geschäfte und Straßenhändler, bei denen man gekühlte Getränke erwerben kann. So weit, so gut; ich werde dabei allerdings mit einem persönlichen Problem konfrontiert. Coca-Cola ist in Südamerika sehr weit verbreitet und ich versuche in der Regel kein Wasser oder andere Getränke zu kaufen, die dem Riesenkonzern angehören. In Bolivien scheint jedoch außnahmslos jede erhältliche Flasche der Coca-Cola Company zu gehören. Selbst verschieden Wassermarken entpuppen sich, wenn man das Etikett genauer unter die Lupe nimmt, als Produkt ein und des selben Mutterkonzernes. Da ich im Prinzip keine Wahl habe und nicht meine ganze Zeit darauf verwenden will den Großkonzernen den Kampf anzusagen, befinden sich im Endeffekt also auch in meinem Rucksack vier Liter Asani Water by Coca-Cola. Traurige Welt. 

Monopol hin oder her: Es gibt immer einen Weg aus Schlechtem etwas Gutes zu machen, wie dieser Kindergarten mit seinem Gartenzaun aus Colaflaschen beweist. An diesem laufe ich vorbei, als ich mich zur Straße nach Tarija begebe. Ich habe nun alles, was ich brauche und bin bereit in die bolivianischen Anden zu trampen. 

Unter einem kleinen Baum finde ich einen guten Platz, um es mir gemütlich zu machen, während ich auf vorbeikommende Fahrzeuge warte. Allerdings muss ich ziemlich schnell feststellen, dass meine Vorstellung von regem Verkehr in die Provinzhauptstadt nicht ganz den Tatsachen entspricht. Während ich warte, habe ich wenigstens Wort wörtlich mein Ziel vor Augen, was die Motivation hochhält. 

Nach einer guten Stunde hält ein älterer Herr auf seinem Motorrad an und fragt mich, wo ich hinmöchte. Als ich ihm antworte, bietet dieser mir an, mich bis zur fünf Kilometer entfernten Mautstation bringen zu können. Dort müsse jeder vorbeikommen, der nach Tarija möchte und meine Chancen seien dort bestimmt höher. Ich bin zwar kurz skeptisch, ob das mit zwei Rucksäcken auf dem Motorrad so klappt, aber dann nehme ich sein Angebot gerne an. Nach meinen ersten Begegnung mit der Ladefläche, habe ich heute also die Premiere von einem Zweirad mitgenommen zu werden. Lange Strecken würde ich damit sicherlich nicht machen, aber für die kurze Distanz ist es mir eine willkommene Abwechslung. 

Mein Fahrer ist evangelischer Pfarrer und Missionar. Wie ich erfahre, muss er gar nicht zur Mautstelle und nimmt mich rein aus christlicher Nächstenliebe mit. Ich bin zwar kein vehementer Verfächter von Religionen, aber in diesem Punkt stimme ich zu, dass ein gelebter Glaube die Gesellschaft verbessern kann. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch nicht gläubig sein, um helfen zu wollen. Jedenfalls bedanke ich mich herzlich für den Gefallen und mein Heilsbringer tuckert wieder in die andere Richtung davon. Ob Engel im einundzwanzigsten Jahrhundert vielleicht ihre Flügel gegen Mopeds eingetauscht haben?

Nun bin ich wirklich am Rande der ersten Cordillera angekommen und die Berge sind zum Greifen nah. Ich begebe mich zur Mautstation und finde dort fünf Beamte vor, die gerade dabei sind bei einem Würfelspiel ihr Kleingeld zu verzocken. Da es bereits kurz vor 12 Uhr ist, suche ich mir ein Plätzchen im Schatten und warte. 

Aus strategischer Sicht war es eine sehr gute Idee des Pfarrers mich hier her zu bringen. Etwa alle fünf Minuten kommt ein Fahrzeug vorbei, dessen Fahrer immer auszusteigen hat, um die Mautgebühr zu entrichten. Dies gibt mir die Möglichkeit jeden persönlich ansprechen zu können, was die Chance auf einen Lift in der Regel deutlich erhöht. Ich lerne allerdings recht schnell, dass Bolivien etwas anders ist. Die meisten Leute schütteln als Antwort auf meines Frage einfach mit dem Kopf und setzen ihre Reise ohne ein Wort zu verlieren fort. Manche sagen mir dagegen ganz ehrlich, dass sie keine Tramper mitnehmen. Es gibt auch wenige, die sich wenigstens die Mühe machen eine Ausrede zu finden; obwohl „keinen Platz zu haben“ bei zwei sichtbar freien Sitzen nicht besonders kreativ ist. 

Ich habe bereits gelesen, dass Hitchhiking in Bolivien keine leichte Angelegenheit sein soll, aber dass es unmöglich ist, hat mir niemand gesagt. Vier Stunden verbringe ich so, eine unfreundliche Absage nach der nächsten kassierend. Irgendwann hoffe ich nurnoch auf den Bus der zwangsläufig auch hier vorbei kommen muss. Auch hier muss ich allerdings erfahren, dass Bolivien etwas anders tickt. Der „Bus“ ist in Wahrheit ein mit acht Personen volgepackter Kombi, der nur losfährt, wenn alle Plätze belegt sind. Ich denke folgendes Foto spiegelt gut wieder, dass meine Laune mittlerweile dort ist, wo Josef Fritzl sich am wohlsten fühlt. 

Gegen 16 Uhr sind von meinen ursprünglichen vier Litern Wasser nicht mal mehr einer übrig und so entscheide ich nach Villamontes zurück zu kehren. Da mich auch niemand zurück mitnimmt, laufe ich fast vier Kilometer durch die pralle Sonen. Als ich einen toten Straßenhund finde, kann ich nicht anders als daran zu denken, dass ich kurz davor bin auch so zu enden. Mein Gepäck und die Hitze tun jedenfalls alles dafür. 

Nach einer guten dreiviertel Stunde kann ich glücklicherweise einen Stadtbus heranwinken, der mich bis zum Busbahnhof bringt. Dort kaufe ich mir erstmal wieder etwas zu trinken und erkundige mich nach einer Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Man sagt mir, dass heute vermutlich niemand mehr dorthin fahre. Als ich den Tag an der Mautstelle verbracht habe, erzählte man mir nämlich, das man für die 250km nach Tarija gut zehn Stunden Fahrt in Kauf nehmen müsse. Bei Nacht in Bolivien zu reisen scheint nicht besonders beliebt zu sein. Bei den ganzen Horrorgeschichten über Busunfälle in den bolivianischen Anden kann ich das allerdings auch verstehen. 

Durch mein Festecken genervt, möchte ich mich heute noch weiterbewegen und erkundige mich ebenfalls nach einer Verbindungen für Yacuiba im Süden. Es heißt, dass die dafür zuständige Agentur weiter die Straße runter liegt und ich mache mich dorthin auf den Weg. Bis heute weiß ich nicht, ob man mich einfach nur loswerden wollte oder nicht, aber ich habe die Agentur nie gefunden. Statt dessen finde ich mich einige Minuten später am Ortsausgang wieder und nehme mein letztes bisschen Motivation zusammen, um den Daumen raus zu strecken. 

Ich habe keine Mitfahrgelegenheit bekommen. Stattdessen ist irgendwann ein Bus an mir vorbeigefahren, der laut Aufschrift nach Yacuiba unterwegs ist. Auf mein Handzeichen hat dieser angehalten und mich einsteigen lassen. Für die folgenden hundert Kilometer zahle ich nur etwa zwei Euro. Daraus und aus dem heutigen Tag, ziehe ich eine wichtige Lehre:

Hitchhiking-Regel N° 11: Versuche es in Bolivien gar nicht erst. Angesichts der günstigen Buspreise, ist es die Wartezeit echt nicht wert. 

Obwohl ich mir heute morgen noch das Gegenteil vorgenommen habe, befinde ich mich nun doch auf dem Weg nach Salta. Leider gibt es zumindest bis Jujuy, ein paar Kilometer im Norden von Salta, keine Straße mehr, die in die Anden kreuzt. Also werde ich wohl doch erst in den Süden, dann wieder hoch und über die gleiche Strecke runter fahren müssen. So ist das Leben. 

Als ich in Yacuiba, Grenzstadt zu Argentinien, ankomme, ist es bereits 19 Uhr und ich suche mir nahe des Busbahnhofs eine günstige Unterkunft. Die Stadt befindet sich wie Montevillas am Rande der Cordillera. Von meinem Zimmer aus kann ich den Anfang der Anden zwar sehen, befinde mich aber noch immer im Flachland. Es wird Zeit einen kurzen Blick auf meine Checkliste zu werfen:

1. Argentinien? Nicht erreicht. 
2. Berge? Nicht erreicht. 

Nachdem ich mich kurz ausgeruht und geduscht habe, gehe ich geschwind etwas essen, was in Bolivien übrigens ebenfalls sehr günstig ist. Als ich zurückkehre, sitzt der Besitzer meiner Unterkunft vor dem Gebäude und schiebt sich ein Kokablatt nach dem nächsten in den Mund. Der Anbau sowie das Kauen der Blätter sind in Bolivien legal und gehört für viele Leute zum Alltag dazu. Ich komme mit ihm ins Gespräch und er gibt mir eine Handvoll zum probieren. Er erklärt mir kurz worauf ich zu achten habe und dann tue ich es ihm gleich. Man drückt die Blätter zwischen Zähnen und Wange aus, wodurch sich deren intensiver Saft in deinem Mund ausbreitet. Er hat einen sehr eigenen Geschmack mit einer Note schwarzem Tee und ich kann mich gut damit anfreunden. Bevor hier gleich Bedenken aufkommen, möchte ich sofort mal ein paar Vorurteile aus der Welt räumen: Alleine die Blätter werden dich nicht berauschen und haben mit der Wirkung von Kokain nichts gemeinsam. Die einzige Wirkung, dich ich verspüre, ist die Taubheit, die sich in meinem Mund breit macht. Vor allem dort, wo sich viele Blätter befinden, verliere ich das Gefühl in Zahnfleisch und Wange. Kein Wunder, dass es vor der Prohibition als Anästhetikum verwendet wurde. 

Später verbringe ich noch den Abend mit zwei netten Bolivianern, die mir ein paar Bier ausgeben. Einer von ihnen ist in den USA aufgewachsen und unsere Unterhaltung ist eine sprunghafte Mischung aus beiden Sprachen. Ich bin sehr beeindruckt, als er daraufhin einen fünfminütigen Freestyle-Rap auf Spanisch und Englisch hinlegt. Danach spreche ich sie auf meine missglückten Hitchhiking-Versuche von heute an, woraufhin der eine nur meint: „Welcome to Bolivia. Bolivians are dicks, man.“ 

Am nächsten Morgen habe ich leichte Kopfschmerzen, als ich mich auf den Weg mache. Wer trinken kann, ist auch in der Lage zu arbeiten und mein Job ist es zu reisen. Heute werde ich die Grenze überqueren und versuchen nach Salta oder Jujuy zu kommen. Bis zum Zoll sind es nur noch wenige Kilometer, doch es fängt bereits an zu tröpfeln und ich nehme lieber einen Bus als im Regen zu laufen. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit einer sehr netten Dame, womit mein Gesamteindruck der Bolivianer wieder um einiges aufpoliert wird. Hier ist eben vieles anders, da muss man sich erst mal dran gewöhnen. Wie mein Busfahrer in der Lage ist den Verkehr zu beobachten, ist mir auch noch nicht ganz klar.  

Den letzten Kilometer bis zur Grenze lege ich zu Fuß zurück. Auf der Zielgeraden reiht sich ein Verkaufsstand an den Nächsten und es sieht ganz danach aus, als würden hier viele Argentinier zum Einkaufen rüberkommen. Das Wetter scheint heute jedoch viele Kunden davon abzuhalten auf Shoppingtour zu gehen. 

Am Zoll angekommen hole ich mir zunächst den bolivianischen Ausreisestempel und gehe dann zu den argentinischen Kollegen. Dort fragen die Beamten mich warum ein neunzehnjähriger Deutscher, aus Paraguay kommend und nach nur zwei Tagen in Bolivien nach Argentinien einreisen möchte. Ich erkläre ihnen kurz meine Situation und sie scheinen zu verstehen. Allerdings denke ich, dass das wahre Problem darin bestand, dass sie mir mein Alter nicht abgenommen haben. Fünf mal wurde ich danach gefragt. Nachdem für knappe zehn Minuten mein Ausweis untersucht wurde, bekomme ich aber doch den Stempel und darf zum dritten Mal auf dieser Reise nach Argentinien einreisen! 

Im deutlich kleineren, argentinischen Teil der Stadt begebe ich mich schnell zum Ortsrand und versuche es mit dem Daumen erneut. In Argentinien hat es bisher ja immer gut geklappt. Was ich dabei nicht bedacht habe, ist das dieses riesige Land je nach Region sehr unterschiedlich sein kann. Hier im Nordwesten haben die Einwohner Argentiniens beispielsweise deutlich mehr Gemeinsamkeiten zu einem Bolivianer, als mit einem Porteño aus Buenos Aires. Würde man die Grenzen hier nach ethnischen und kulturellen Gegebenheiten ziehen, könnte man grad eine komplett neue Karte anfertigen. 

Ihr ahnt schon worauf das hinausläuft: Es hat nicht geklappt. Bevor ich viel Zeit mit Warten verschwende, nehme ich diesmal früher einen Bus und lasse mich bis in die nächst größere Stadt namens Tartagal bringen. Das schöne an Südamerika ist, dass man die Busse hier in der Regel per Handzeichen zum Anhalten bringen kann. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob man sich an einer Bushaltestelle befindet oder nicht. 

Für etwa anderthalb Stunden sitze ich in dem Bus und erfahre unterwegs einen weiteren Grund dafür, dass man hier per Anhalter keine großen Chancen haben sollte. Nach etwa einer halben Stunde müssen alle Insassen aussteigen, um eine Kontrollstelle der Militärpolizei zu passieren. Diese untersucht anschließend alle Taschen und Rucksäcke in der Hoffnung auf einen Schmuggler zu treffen. Bolivien ist Südamerikas größter Kokainproduzent und von dort verteilt sich die Droge auf dem ganzen Kontinent. Da niemand zur Beihilfe des Schmuggels schuldig gesprochen werden möchte, sind die Leute auf dieser Route eher vorsichtig und nehmen sicherheitshalber keine Fremden mit. 

Tartagal ist ein kleines entspanntes Städtchen mit viel Grün. Der Regen scheint den ungeteerten Straßen hier ganz schön zuzusetzen, aber ich habe das Gefühl, dass die Leute dies als normal ansehen. Vom Busbahnhof aus, durchquere ich die Stadt und komme dabei über eine hohe Brücke. Unter mir teilt ein brauner Fluss das grüne Idyll und schlängelt gemütlich vor sich hin. Für ein paar Minuten stehe ich einfach nur da und genieße den Ausblick. 

Danach stelle ich mich wieder an den Straßenrand und versuche es erneut. Bevor das erste Mal jemand anhalten kann, werde ich allerdings wieder von einem Bus aufgesammelt und bin nun in das etwa 100km entfernte Pichanal unterwegs. Die Regionalbusse sind ganz schön klapprig, kosten mich allerdings auch nicht viel Geld. 

Als ich in Pichanal ankomme fängt es heftig an zu Regnen und auch der eine oder andere Blitz zeigt sich bereits. Bevor ich komplett durchnässt werde, suche ich unter einem überdachten Taxistand Schutz und muss überlegen, wie ich weiter mache. Als Tramper im Regen zu stehen, macht nicht besonders viel Sinn. Als ich dabei bin, meine Möglichkeiten durchzugehen, fragt mich einer der Taxifahrer wo ich hinmöchte und bietet mir an mich bis in das 90km entfernte „Libertador Gral. San Martin“ bringen zu können. Wir sprechen hier von einem Langstreckentaxi, den sogenannten „Remises“, welche in Argentinien sehr weit verbreitet sind. Sobald man ein paar Leute gefunden hat, die in die selbe Richtung wollen, tut man sich zusammen und wird direkt an seinen Zielort gebracht. Die Preise weichen dabei kaum von den regulären Buspreisen ab. Glücklicherweise ist das Remis bald gefüllt und so befinde ich mich einige Minuten später wieder auf der Straße. Und im Trockenen. 

Als wir am Zielort ankommen, ist es bereits dunkel und schüttet noch immer wie verrückt. Von hier verspricht mir mein Fahrer eine weitere Verbindung nach Salta oder Jujuy. Ich mache mich auf die Suche und treffe recht schnell auf eine Familie, die nach San Salvador de Jujuy möchte. Jetzt fehlt uns nur noch ein Fahrer. Der Vater läuft los und eine grobe halbe Stunde später kommt er mit einem willigen Remiseberreiber zurück. Es geht also nach Jujuy. 

San Salvador de Jujuy ist mir tatsächlich lieber als Salta, da sie der unmittelbare Eingang zum Hochtal der Quebrada de Humahuaca ist. Außerdem habe ich mir dort bereits vor langer Zeit ein Hostel auf der Karte markiert. Dort bringt mich mein Fahrer nach der knapp zweistündigen Regenfahrt direkt hin. 

Ich wollte heute zwar per Anhalter reisen, habe im Endeffekt aber 360km mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Seit ich in Bolivien war, scheint mich das Glück verlassen zu haben. So ist nunmal das Leben eines Trampers, es gibt gute und schlechte Zeiten. Wenigstens bin ich den Anden nun ganz nah. Das erinnert mich an meine Checkliste. 

1. Argentinien? Check
2. Berge? Fast check. 

Da es schon spät ist und ich einen anstrengenden Tag hinter mir habe, schlafe ich mal wieder ziemlich schnell ein. Das reicht jetzt aber auch mal langsam mit diesen extremen Reisetagen, findet ihr nicht? 

3 Gedanken zu “Stuck in Bolivia

  1. Hi Remi,
    vielen Dank für die wunderbaren Reiseberichte mit den tollen Bilder. Einfach spannend so an Deiner Reise teilnehmen zu können. Ich wünsche Dir weiterhin viel Glück. Aus dem kalten Deutschland liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Remi,
    ich wollte Dir nur mal auf diese Weise liebe Grüße aus Deiner Heimatstadt senden. Ich freue mich für Dich das Du deine Reise durchführen und erleben kannst und hoffentlich weiterhin gesund bleiben wirst.
    Ich lese immer mal wieder auf Deinem Blog, da Annkatrin mir diesen mitgeteilt hat.
    Ja und ich denke, Du erlebst hier Dein eigenes, persönliches Abendteuer.
    In dem Sinne mach es weiterhin gut und viel Spaß beim reisen und Menschen kennen lernen.

    Liebe Grüße an Dich
    Klaudia

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